Was kostet eigentlich Software? Am Beispiel der Corona-Warn-App

Die Corona-Warn-App ist ein Vorzeigeprojekt. Es wurde sehr schnell umgesetzt und das Budget blieb auch im geplanten Rahmen. Andere große Projekte aus der Vergangenheit waren da weniger erfolgreich.

Als jemand, der selbst Software-Projekte anbietet, umsetzt und Stundensätze kalkuliert, finde ich es spannend die Entwicklungskosten der Corona-Warn-App einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und den Vergleich zu ziehen, ob wir mit unseren Preisen über- oder unterdurchschnittlich liegen. Aus einem solchen Erfolgsprojekt kann man doch bestimmt was lernen.

Fakten sammeln

Sammeln wir zunächst mal die Fakten: laut Tagesspiegel belaufen sich die Entwicklungskosten auf etwa 20 Millionen Euro. Den Großteil teilen sich die beiden großen Player SAP und T-Systems mit jeweils 9,5 bzw. 7,79 Millionen. Der Rest entfällt auf Werbung (3,5) und das Pentesting schlägt mit 107.000 Euro zu buche. Die Entwicklungsdauer betrug nach Aussage von Telekom-Chef Tim Höttges 50 Tage und es mussten rund 100 Mitarbeiter dafür abgezogen werden. Die 50 Tage Entwicklungszeit halten dem Faktencheck stand. Der erste Commit bei Github war am 26.04.2020 und die Veröffentlichung im AppStore erfolgte am 15.06.2020. Das sind exakt sportliche 50 Tage und ist wirklich bemerkenswert.

Das Entwicklerteam

Die Repositories bei Github für die verschiedenen Plattformen iOS, Android und den Server haben jeweils etwa 50 Contributors. Aber nehmen wir die 100 Mitarbeiter bei T-Systems mal als gegeben hin, immerhin hat man in einem Softwareprojekt nicht nur Entwickler, die aktiv Code schreiben, sondern auch Designer, Manager und jemand muss schließlich auch Kaffee holen.

Zeitaufwand und Stundensatz

Um es einfacher zu rechnen, nehmen wir mal an, dass diese 100 Mitarbeiter 50 Tage je 8 Stunden ohne Wochenende und Urlaub durchgeackert haben, weil das ein Projekt von enormer Bedeutung war. Das macht in Summe 40.000 Arbeitsstunden, für die 7,79 Millionen EUR berechnet wurden. Kalkulatorisch ergibt das einen Stundensatz von 194,75 EUR. Die realen Arbeitstage in diesem Zeitraum sind aber nur 34, was nur 27.200 Arbeitsstunden ergibt. Somit liegt der Stundensatz wohl eher bei 286,40 EUR (und hier habe ich mindestens 3 Feiertage unabsichtlich vergessen, um den Stundensatz unter 300 zu halten).

„Die Telekom will sich an der Krise keinesfalls bereichern“, aber man könne es sich auch nicht leisten, Geld damit zu verlieren. Das kann ich nachvollziehen und finde es toll, dass die Telekom hier so fair ist. Ich habe ja selbst auch schon Projekte zum Selbstkostensatz gemacht, weil ich entweder Lust dazu hatte, oder sie strategisch sinnvoll fand und man muss ja schließlich von irgendwas seine Miete bezahlen.

Selbstkostensatz und Marge

Was ergibt sich denn kalkulatorisch bei diesen Zahlen für ein Monatsgehalt? Durchschnittlich 160 Arbeitsstunden zu 286,40 EUR, (weil die Telekom ja zum Selbstkostensatz angeboten hat), ergibt 45.823 EUR pro Monat (ich werd das Gefühl nicht los, dass ich mich da irgendwo bei einer Nachkommastelle verrechnet habe).

Klar, das ist jetzt überspitzt und ganz sicher nicht das, was derjenige als Bruttogehalt bezieht. Aber nehmen wir doch mal eine Marge von 100% an. Der angebotene Stundensatz ergibt sich schließlich aus Kosten + Marge. Und eine Marge von 100% ist in dieser Branche nicht unüblich.

Das reduziert den internen Kostensatz pro Stunde auf 143,20 EUR und macht dann pro Mitarbeitermonat 22.912 EUR. Da gehen natürlich noch Nebenkosten für Equipment, Miete, Strom und freien Kaffee drauf. Seien wir mal großzügig und gehen auf 15.000 EUR an Lohnkosten runter, die haben da immerhin große und schicke Büros, die bezahlt werden wollen. Abzüglich des Arbeitgeberanteils kommen wir dann vielleicht auf etwa 10.500 Brutto pro Mitarbeiter pro Monat. Da sind wir schon eher in einem Bereich, der für mich realistisch klingt. Wobei ich ein solches Gehalt schon eher im oberen Bereich ansiedeln würde, der muss schon ordentlich was können, um das zu rechtfertigen. Aber die Telekom wäre nicht die Telekom, wenn sie nicht gleich mit 100 solcher Experten aufwarten könnte, wer sonst hätte das stemmen sollen?

Man darf nicht vergessen, dass zum Programmcode etwa 50 Menschen beigetragen haben und es war auch noch SAP beteiligt. Man könnte hier also naiv von etwa 20 bis 25 Entwicklern von T-Systems ausgehen. Was wohl die restlichen 75 Menschen in dieser Zeit gemacht haben?

Jedenfalls bin ich sicher, dass ich in meinen Überlegungen irgendwo was ganz offensichtliches übersehen habe und finde es toll, dass sich die großen Konzerne ganz solidarisch nicht an der Krise bereichert haben.

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